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Seminar des Deutsch-Europäischen Bildungswerks in Breslau

Deutsch-polnische Begegnungen

Das Deutsch-Europäische Bildungswerk, Wiesbaden (Bildungseinrichtung des Landesverbandes Hessen des Bundes der Vertriebenen), setzt auch in diesem Jahr seine verständigungspolitischen Aktivitäten fort. In das Seminar, das in Breslau (Wroclav) stattfand, war auch im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Breslau die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden eingebunden. Als Vertreter von Wiesbaden nahmen Stadtrat Johann-Ludwig Seibert (CDU), Vertreter der CDU-Fraktion und ein Vertreter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen der Stadtverordnetenversammlung teil. Bei einem Empfang im Rathaus von Breslau wurden die Gäste aus Deutschland in Vertretung des Stadtpräsidenten vom stellvertretenden Verwaltungsdirektor, Jan Wais, begrüßt. Stadtrat Johann-Ludwig Seibert überbrachte die Grüße des Magistrats sowie von Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller.

Breslau hat sich um den Sitz des europäischen Innovation- und Technologiezentrums beworben

In einer Präsentation stellte die Leiterin des Büros für Auslandsbeziehungen, Barbara Rogowska, die Stadt Breslau vor. Sie zitierte Papst Johannes Paul II.: "Breslau liegt an der Grenze von drei Kulturen, welche die Geschichte eng miteinander verbunden hat. Hier treffen sich die geistige Tradition des Ostens und des Westens". Barbara Rogoswska verwies auf die günstige geographische Lage der Stadt zu einigen Metropolen im Westen. Weiter sei Breslau eine europäische Universitätsstadt, die auf ein reiches kulturelles Erbe zurückblicken kann. Die Universität Breslau zähle zu den führenden polnischen Hochschulen mit hervorragenden wissenschaftlichen Lehrkräften mit fast 140.000 Studenten. Sie verwies auf zehn bedeutende Nobelpreisträger, unter anderen auf Paul Ehrlich, Gerhard Hauptmann, Fritz Haber und Friedrich Bergius. Die Stadt habe sich um den Sitz des europäischen Innovation- und Technologiezentrums (EIT) beworben. Auch wirtschaftlich halte der Aufstieg an. So konnten seit 2003 125.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Arbeitslosigkeit fiel von 13. Prozent im Jahr 2002 auf sechs Prozent im Jahr 2007. Breslau hat die gleichen Probleme wie andere Großstädte in Europa. So berichtete der Leiter des Amtes für Stadtentwicklung, Maciej Zathey, von einer Stadtflucht. Viele Einwohner kehrten der Stadt den Rücken und zögen in den Speckgürtel des Umlandes. Der Kreis Breslau gelte als der reichste Kreis Polens. Die Stadt habe sich zum Ziel gesetzt, die alte Bausubstanz zu erhalten. Allerdings beständen diesbezüglich Widerstände. Auch komme es darauf an, den Innenstadtbereich zu beleben.

Mentale Mauern müssen eingerissen werden

Einen Höhepunkt des Seminars bildete der Besuch der germanistischen Fakultät der Universität von Breslau. Prof. Dr. Marek Halub setzte sich mit Blick auf das deutsch-polnische Verhältnis mit Hoffmann von Fallerleben auseinander, der den Polen zugeneigt war. Auf die heutigen Verhältnisse eingehend bemerkte, er auf der intellektuellen Ebene gebe bei der Verständigung zwischen Deutschen und Polen keine Probleme. Allerdings müssten in anderen Bereichen mentale Mauern eingerissen werden. In diesem Zusammenhang übte Prof. Halub Kritik an den deutschen Medien, die ein negatives Bild über Polen verbreiteten. "Es besteht das stereotype Bild der polnischen Wirtschaft. Polen wird mit Saisonarbeiter und Autodiebstählen assoziiert", fuhr er fort. Ein Großteil der deutschen Gesellschaft ließe sich von dem Medaillen Bild beeinflussen. Auch dürfe das Bild von Polen nicht auf Krieg, Vertreibung, Schuld und auf Neurosen beschränkt bleiben. Zum Zentrum gegen Vertreibungen führte er aus, in Polen bestehe Misstrauen in Bezug auf dieses Vorhaben. Vielen glaubten, es würde nur auf deutsche Opfer eingegangen und das Schicksal Polens nicht berücksichtigt. Als großen Nachteil für die Fakultät sah Prof. Dr. Wojcech Kunicki die EU-Regelung von Bologna an, wonach die Praxis im Vordergrund stehen soll. Damit würde ein Stein in den Weg gelegt, sich mit der deutschen Geistesgeschichte zu befassen. Der von Wilhelm von Humboldt geprägte Bildungsbegriff werde damit amputiert. Die Fakultät lege Wert darauf, dass sich die Studenten intensiv mit der deutschen Literatur befassen, zum Beispiel mit Goethes Faust. Auf die Vergangenheit eingehend, sagte Prof. Kunicki, bei den Studenten bestehe großes Interesse an der Vergangenheit. Dabei komme der Regionalarbeit große Bedeutung zu. Er stellte die rhetorische Frage, wie man mit der deutschen Vergangenheit umgehen soll.

Besuch des bilingualen Gymnasiums

Weiter stand der Besuch des Gymnasiums Nr. 13 auf dem Programm. Die Direktorin der Schule, Frau Ursula Spalka, stellte die Schule vor, an der seit 1993 bilingualer Unterricht angeboten wird. Sie hob besonders die engen Kontakte mit der deutschen sozialkulturellen Gesellschaft hervor. Auch habe das Gymnasium acht Partnerschulden in Deutschland.

Deutsche Kulturarbeit wird in Breslau gefördert

Die deutsche Minderheit in Breslau wurde bei der Veranstaltung nicht vergessen. Im Begegnungszentrum der deutschen sozialkulturellen Gesellschaft berichtete Krystina Lippmann von den Aktivitäten des Vereins. Als besonderen Schwerpunkt führte sie die Erhaltung des deutschen kulturellen Erbes und die Förderung der deutschen Sprache an. So fänden Konzerte, Theateraufführungen und Lesungen mit deutschen Schriftstellern statt. Im Rahmen der deutschen Kinowochen würde wöchentlich ein deutscher Film gezeigt. Die Zusammenarbeit mit den polnischen Behörden bezeichnete sie als gut. Die Stadt Breslau unterstütze Kulturprogramme. Auch gelte in Polen seit zwei Jahren ein Minderheitenschutzgesetz. Eine wichtige Rolle im deutsch-polnischen Dialog spielt die Edith-Stein-Gesellschaft in Breslau. Ulrike Pötsch, Leiterin der Programmabteilung, führte die Ziele der Gesellschaft ein, die sie wie folgt umriss: Jüdisch-christlicher Dialog, deutsch-polnische Verständigung und Förderung der zivilgesellschaftlichen Entwicklung.

Katholische und evangelische Kirche arbeiten eng zusammen

Auch Vertreter der beiden christlichen Konfessionen kamen zu Wort. Pastor Andrrzej Fober, Seelsorger der evangelischen Christen in Niederschlesien, gab einen Überblick über die Entwicklung der evangelischen Gemeinde. Die Gemeinde wurde 1948 mit Deutschen gegründet, die nicht vertrieben worden waren. Er schilderte die Probleme, die in Mischehen, Ehen zwischen Deutschen und Polen, auftraten. Die deutschen Ehepartner hätten es sehr schwer gehabt, in die polnischen Familien aufgenommen zu werden. Die Kinder akzeptierten oft nicht, dass die Mutter eine Deutsche ist. Heute sei das kein Problem mehr. Die evangelische Gemeinde habe sich stabilisiert. Pater Dr. Marian Bernhard Arndt, referierte über die biblische Grundlage bezüglich eines friedlichen Zusammenlebens von Völkern. Den Begriff Frieden brachte er in Zusammenhang mit Gerechtigkeit. Er kritisierte, dass viele Menschen heute den Sinn für Gerechtigkeit verloren hätten. Zur evangelischen Kirche beständen gute Kontakte. Über Erfahren bei der Städtepartnerschaft mit Breslau hielt die CDU-Stadtverordnete Ingrid Reiss ein Referat. Als Schwerpunkt der partnerschaftlichen Zusammenarbeit führte folgende Bereiche auf: Stadt- und Verkehrsplanung, Umweltschutz, Umwelttechnologie, Wasserwirtschaft, Denkmalpflege, Kultur, Sport, wirtschaftliche Unternehmen. Das Seminar wurde von den Teilnehmern auf beiden Seiten gut angenommen. Wie zu hören war, wurde diese Veranstaltung als ein weiterer Schritt zur deutsch-polnischen Verständigung bewertet. Adolf Wolf im Mai 2008
Der Marktplatz von Breslau.
Beim Empfang im Rathaus von Breslau (v.l.): Seminarleiter Adolf Wolf, Stadtrat Johann-Ludwig Seibert, Barbara Rogowska, Maciej Zathey, Jan Wais
Die Seminarteilnehmer
Bilder: Bildungswerk