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Seminar des Deutsch-Europäischen Bildungswerks in Brünn/Brno

Deutsche und Tschechen gehen aufeinander zu

Während der Veranstaltungsreihe "Deutscher Mai", der in Brünn vom Österreichisch-Tschechischen Dialogforum in Zusammenarbeit mit der germanistischen Fakultät der Masaryk-Universität Brünn ausgerichtet wurde, fand auch ein Seminar des Deutsch-Europäischen Bildungswerks Wiesbaden (Bildungseinrichtung des BdV-Hessen) statt. Während das Leitmotiv des "Deutschen Mai" die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war, stand im Mittelpunkt des Seminars des Deutsch-Europäischen Bildungswerks "die gemeinsamen deutsch-tschechischen Aufbau- und Integrationsleistungen auf dem Wege der gegenseitigen Verständigung und des vielfältigen Dialogs". Im Rathaus von Brünn empfingen der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Dr. Daniel Rychnovsky, und Magistratsdirektor Pavel Loutocky, die Gäste aus Deutschland. Dr. Rychnovsky stellte in seiner Begrüßungsrede die multikulturelle Vergangenheit von Brünn heraus. Die tschechischen, deutschen und jüdischen Eliten hätten zusammengewirkt und seien ein Motor für die Forschung und die Entwicklung der Stadt gewesen. An dem Seminar nahm auch der Landrat des Main-Kinzig-Kreises, Erich Pipa (SPD), teil, dessen Mutter den Brünner Todesmarsch überlebt hatte. Er konnte sich an die Erzählungen seiner Mutter erinnern. Obwohl sie Schlimmes erlebt hätte, sei sie immer für Versöhnung eingetreten. Heute komme es darauf an, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, um ein neues Europa aufzubauen. Schulpartnerschaften würden sich hier anbieten. Der Landrat lud die Gastgeber zu einem Besuch in den Main- Kinzig-Kreis ein. Pipa sah als eine wichtige Aufgabe an, die beiderseitige Geschichte aufzuarbeiten. Die Benesch-Dekrete bezeichnete er als Unrecht. Seminarleiter Hartmut Saenger stellte das Deutsch- Europäische Bildungswerk vor. Als Ziel nannte er, unter Einbeziehung der deutschen Minderheit in den jeweiligen Staaten, den Dialog zu suchen. Bei den Seminaren würden auch bestehende Städtepartnerschaften einbezogen. Über das Deutschlandbild der jüngeren Generation in der Tschechischen Republik referierte der Student, Robert Ströbinger. Nach seinen Ausführungen hat sich die Einstellung der tschechischen Bevölkerung zu Deutschland verbessert. Während 1996 45 Prozent der Befragten die Beziehungen zu Deutschland als gut bewerteten, waren es im Jahr 2002 74 Prozent. Nach seinen Feststellungen sind sich die Tschechen der Wichtigkeit der ökonomischen und politischen Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik Deutschland sehr gut bewusst. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Tschechischen Republik. Allerdings nehmen die Deutschen auf der Skala der Sympathiewerte nur eine mittlere Position ein. Sie stehen genau in der Mitte. Der Leiter des Amtes für internationale Beziehungen in Brünn, Robert Kudelka, referierte über die bestehenden Städtepartnerschaften. So habe Brünn 12 Städtepartpartnerschaften, davon zwei mit Deutschland und zwar mit Stuttgart und Leipzig. Daraus bildeten sich Städtenetzwerke mit europäischen Großstädten in den Bereichen Kultur- und Finanzausgleich. Diese Netzwerke trügen zum Zusammenwachsen Europas bei. Zur Stadt bemerkte er weiter, die wirtschaftliche Entwicklung verlaufe positiv. Brünn sei zu einer Messestadt mit internationalen Messen und Kulturveranstaltungen aufgestiegen. Weiter verwies er auf die fünf Hochschulen der Stadt mit ca. 80.000 Studenten. Hana Zakhari vom Kulturverband der Deutschen in der Region Brünn stellte fest, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen Republik entwickelten sich gut. Allerdings beständen auf der obersten politischen Ebene noch Berührungsängste, wenn die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg angesprochen werde. Die Leiterin der Europäischen Beratungsstelle für Straffälligen- und Opferhilfe, Dr, Pavla Tiserova, führte die Seminarteilnehmer in ein für sie unbekanntes Gebiet ein. Nach ihren Ausführungen belastet die Kriminalität die gegenseitigen Beziehungen, weil dieser Bereich in den Medien zu stark medialisiert wird, so dass Ängste entstehen würden. Der überwiegende Teil der einsitzenden Tschechen beging kleinere Straftaten. Oft sei ein Bußgeldbescheid nicht bezahlt worden. Auch spielten die in beiden Staaten geltenden Strafvorschriften eine Rolle. Hier führte sie das in Deutschland geltende strenge Waffengesetz an. Auch sei Besitz von Drogen sei in beiden Staaten unterschiedlich geregelt. Beim Besuch des Pädagogischen Kyrill-Method-Gymnasiums hießen Schülerinnen und Schüler die Teilnehmer mit einem Musikstück von Wolfgang Amadeus Mozart willkommen. Der Besuch des Begegnungszentrums der deutschen Minderheit ist bei diesen Seminaren schon obligatorisch. Der neue Vorsitzende des Kulturverbandes, Leo Müller, freute sich über den Besuch aus Deutschland. Die frühere Vorsitzende, Dora Müller, gab einen Rückblick über die deutsche Vergangenheit von Brünn. 1938/39 lebten in Brünn etwa 60.000 Deutsche, darunter 10.000 Juden, die sich als Deutsche bekannten. Bei der letzten Volkszählung hätten 459 Personen ihre Nationalität mit deutsch angegeben. Sie verwies in diesem Zusammenhang auf die hohe Zahl von Mischehen. In Brünn gibt es drei deutsche Vereine, den Deutschen Kulturverband Brünn, den deutschen Sprach- und Kulturverband sowie den Verband deutscher Bürger in der Tschechischen Republik. In das Seminarprogramm war auch die Stadt Nikolsburg/Mikulov eingebunden. Dort wurde den Teilnehmern ein besonders herzlicher Empfang bereitet. Kinder hatten extra ein deutsches Lied gelernt. Die Erzieherinnen berichteten von drei Tagen Arbeit, bis das Lied einstudiert war. Auch bauten die Kinder aus Pappkartons eine Brücke, um die Verbindung zu Deutschland symbolisch darzustellen. Bei der Begrüßung im Kinosaal von Nikosburg sprach die stellvertretende Bürgermeisterin, Dr. Illona Ziskova-Vagnerova von "deutschen Freunden". Es waren auch zahlreiche tschechische Mutter gekommen, die die Aufführung ihrer Kinder miterleben wollten. Im Ratskeller kam man sich beim gemeinsamen Abendessen und anschließend beim gemütlichen Beisammensein näher. Die Teilnehmer besuchten auch die Gedenkstätte in der Nähe von Pohrlitz/Pohorelice, die an der Brünner Todesmarsch erinnert Dort gedachten sie mit einem Gebet der Opfer der "wilden Vertreibungen". Am Fronleichnamstag des Jahres 1945, dem 30.Mai, wurden 25.000 bis 30.000 deutsche Bürger der Stadt, Frauen, Kinder und Greise vertrieben. Der so genannte "Brünner Todesmarsch" führte über die Gemeinde Pohrlitz an der deutsch-tschechischen Sprachgrenze bis zur österreichischen Grenze. Die Zahl der Todesopfer dürfte zwischen 4.000 und 8.000 liegen. Mit Sicherheit belegt sind 2.000 Tote, davon 890 in einem Massengrab bei Pohrlitz.und etwa 1.000, die auf Friedhöfen in Österreich bestattet wurden. Am 31.Mai 2008 erinnerten Brünner Studenten mit einem Marsch an die Gedenkstätte Pohrlitz an den damaligen Brünner Todesmarsch. Das Seminar wurde von den Teilnehmern als ein weiterer Mosaikstein Schritt bewertet, um die Mühlsteine aus der Vergangenheit aus dem Weg zu räumen. Wie das Seminar und die Veranstaltungen in Brünn zeigten, ist die Verständigung schon weit fortgeschritten. Bischof Vojtech Cikrle sagte am 1. November 2000 an deer Gedenkstätte Pohrlitz: „Es ist nicht wahr, dass jeder Einzelne an allem, was im Namen seiner Nation verbrochen wurde, auch persönlich schuldig ist. Es ist nicht wahr, dass Rache Gerechtigkeit schafft. Es ist nicht wahr, dass die Grenze zwischen guten und schlechten Menschen mit der Zugehörigkeit zu einer Nation zusammenfällt". Adolf Wolf (Text u. Fotos) im Juni 2008
Die Kinder aus dem Kindergarten von Nikolsburg hatten symbolisch eine Brücke gebaut.
Beim Empfang im Rathaus von Brünn (v.l.): Seminarleiter Hartmut Saenger, der stellvertretende Bürgermeister Dr. Daniel Rychnowsky, Magistratsdirektor Pavel Loutocky und Landrat Erich Pipa.
Die Seminarteilnehmer auf dem Marktplatz von Nikolsburg
Die Teilnehmer gedachten mit einem Gebet der Opfer des Brünner Todesmarsches