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Seminar des Deutsch-Europäischen Bildungswerks in Poprad/Deutschendorf

„Was wäre die Slowakei ohne die Karpathendeutschen?“

Die Slowakei gehört seit dem 1. Mai 2004 der europäischen Familie, der EU, an. Für viele Bundesbürger ist dieses Land an der Ostgrenze der Europäischen Union ein unbekanntes Territorium. Meist fehlen auch Informationen darüber, dass dort noch eine kleine deutsche Minderheit lebt und dass Teile des Landes von Deutschen besiedelt wurden. Mit Themen aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft befasste sich ein Seminar, dass das Deutsch- Europäische Bildungswerk, Wiesbaden, (Bildungseinrichtung des Landesverbandes Hessen des Bundes der Vertriebenen) in Poprad/Deutschendorf in der Slowakei durchführte. Bei der Veranstaltung sprach auch der Vertreter des Bürgermeisters von Poprad, Balo Maros, ein Grußwort. Er verwies darauf, dass in Poprad drei Kulturen zusammenlebten. Die Kinder beherrschten drei Sprachen. Der Jugend gehöre die Zukunft. Das Seminar erweckte auch das Interesse des slowakischen Fernsehens. Ein Fernsehteam drehte während der Veranstaltung. Der Beitrag soll in einem deutschsprachigen Magazin des slowakischen Fernsehens gebracht werden.

Gutes Klima zwischen der deutschen Minderheit und der slowakischen Politiik

Im Gegensatz zur Tschechischen Republik herrscht zwischen den Karpathendeutschen und der hohen Politik sowie der slowakischen Regierung ein sehr gutes Klima. Der Landesvorsitzende des Karpathendeutschen Vereins in der Slowakei, Dr. Ondrej Pöss, zitierte in diesem Zusammenhang den Vorsitzenden des Slowakischen Nationalrates der Slowakei, Dr. Pavel Hrusovsky, der bei einem Vortrag anlässlich der Beitritts der Slowakei zur Europäischen Union erklärt hatte: "Was wäre die Slowakei ohne die Karpathendeutschen". Gerade die Karpathendeutschen hätten vor acht Jahrhunderten "unsere Städte gegründet". Dr. Hrusovsky beleuchtete auch die Tiefpunkte im deutsch-slowakischen Verhältnis. Er sprach von zwei Tragödien, von der Deportation und von der Vertreibung der Karpathendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Landesvorsitzende des Karpathendeutschen Vereins räumte jedoch ein, es gebe auch Chauvinisten. Zur Zahl der in der Slowakei lebenden Deutschen bemerkte Dr. Pöss, hierüber bestünden keine konkreten Zahlen. Schätzungen gingen von 10.000 bis 12.000 Deutschen aus. Nach der letzen Volkszählung hätten sich 5.600 Personen zur deutschen Nationalität bekannt.

Karpathendeutsche hoffen auf Entscbädigung

Auch in der Slowakei wurden die Benesch-Dekrete nicht aufgehoben. Die Karpathendeutschen sind somit im Gegensatz zur slowakischen Bevölkerung benachteiligt, da sie ihr enteignetes Vermögens nicht zurückerhielten. Dr. Pöss sah jedoch Lichtblicke in dieser ungelösten Vermögensfrage. Es seien diesbezüglich Gespräche mit Vertretern des Karpathendeutschen Vereins und der slowakischen Regierung vorgesehen. Der Landesvorsitzende sieht eine Chance darin, dass ein Fonds geschaffen wird, aus dem die Karpathendeutschen entschädigt werden. Wie sich aus Gesprächen ergab, sind viele Karpathendeutsche von den Äußerungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Warschau zur Vermögensfrage der Vertriebenen enttäuscht. Damit sei auch den Karpathendeutschen ein Schaden zugefügt worden.

Unterdrückung des Deutschtum durch die Kommunisten wirkt sich noch aus

Besonders hervorzuheben ist die Gastfreundschaft der Karpathendeutschen. Die Teilnehmer aus Deutschland wurden im Haus der Begegnung in Kesmark/Kezmarok vom Regionalvorsitzenden Vojtech Wagner und von der Ortsvorsitzenden Maria Durica herzlich begrüßt. Wagner berichtete über Vorbereitungskurse in Deutsch für die 1. Klasse an Grundschulen. Daran nähmen auch Kinder von Slowaken teil. Dem Karpathendeutschen Verein sei es gelungen eine Jugendgruppe zu gründen, die enge Verbindungen zur Landsmannschaft der Karpathendeutschen in der Bundesrepublik Deutschland habe. Mit der Zukunft der deutschen Volksgruppe in der Slowakei setzte sich der Chefredakteur des Karpathenblattes, der Publikation des Karpathendeutschen Vereins, Vladimir Majovsky. auseinander. Erst nach der Wende sei es möglich gewesen, den Verein der Karpathendeutschen zu gründen. Über 40 Jahre hätten die Kommunisten das Deutschtum unterdrückt. Das habe sich auch auf die deutschen Sprachkenntnisse der mittleren und jüngeren Generation ausgewirkt. Zur Problematik der Benesch-Dekrete bemerkte er, die junge Generation in der Slowakei interessiere das nicht. Ihr Blick sei ins Ausland, nach Europa gerichtet. Er hegte Zweifel, ob die Karpatendeutschen als ethnische Gruppe weiter bestehen könnten. Er verwies auf das Problem der Abwanderung und der Überalterung. Wer die deutsche Sprache beherrsche ,versuche, Arbeit in Deutschland zu finden. Besonders Ärzte und Krankenschwestern hätten diesen Weg beschritten . Auch Studenten, die in Deutschland studierten, kämen nicht zurück. Zur EU-Erweiterung führte er aus, der Beitritt der Slowakei sei mit großen Erwartungen begleitet gewesen. Diese hätten sich jedoch nicht erfüllt. In diesem Zusammenhang nannte Majovsky Preissteigerungen und steigende Arbeitslosigkeit. Besondere Probleme würden sich für kleine und mittlere Unternehmen ergeben. Sie könnten die strengen EU-Normen nicht einhalten, was zu einer Existenzbedrohung führe.

Brückenfunktion der deutschen Heimatvertriebenen

Auch Gäste aus Deutschland kamen zu Wort. Der stellvertretende Vorsitzende des Deutsch- Europäischen Bildungswerkes und Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Alfred Herold, Wiesbaden, hob die Brückenfunktion der deutschen Heimatvertriebenen hervor. Er berichtete über zahlreiche Begegnungen , die schon zu Freundschaften geführt hätten. Auch auf der kirchlichen bewege sich etwas. So sei zum Beispiel der Weihbischof von Limburg /Lahn, Gerhard Pieschl, zum Ehrendomherrn von Olmütz ernannt worden. Herold nannte als wichtiges Ziel, die Grenzen nach christlichem Menschenbild zu überwinden. Er räumte jedoch ein, eine echte Versöhnung brauche einen langen Atem. Mit Blick auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen bezeichnete er die deutschen Heimatvertriebenen als die erste und glaubhafteste Friedensbewegung in Europa. Im Hinblick auf die ausgelöste in den Medien geführte Diskussion über die offene Vermögensfragen der deutschen Heimatvertriebenen bestand bei der Veranstaltung Informationsbedürfnis, inwieweit Lastenausgleichsleistungen eine Enteignungsentschädigung für die durch die Vertreibung erfolgten Vermögensverluste darstellen. Der Referent für Lastenausgleichfragen im Landesvorstand des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Adolf Wolf, verwies auf die Präambel des Lastenausgleichsgesetzes, wonach die Annahme von Leistungen keinen Verzicht auf die enteigneten Vermögenswerte bedeutet. Wolf zitierte weiter aus Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Er appellierte an die Politik, Rechtssicherheit zu schaffen. Chauvinisten würden Ängste bei Personen schüren, die deutsches Eigentum von Staat erworben hätten. Er verwies in diesem Zusammenhang auf das deutsche Vermögensgesetz. Danach könne Vermögen nicht mehr zurückgegeben werden, wenn es gutgläubig erworben wurde. Mit Blick auf Ungarn bemerkte der Referent abschließend, dort sei das Problem durch eine symbolische Entschädigung aus der Welt geschafft worden.

Deutsche Siedler erhielten Privilegien

In den Mittelpunkt seines Vortrages stellte der Historiker, Prof. Ivan Chalupecky die Besiedlung der Slowakei durch Deutsche. Die deutschen Siedler hätten Privilegien erhalten. Es bestand eine Selbstverwaltung. Kesmark und Leutschau seien zu freien Städten geworden. Die ethnischen Gruppen lebten nebeneinander. Erst später setzte sich das slowakische Element durch.

Deutsches Schulwesen in der Slowakei

Über das deutsche Schulwesen in der Slowakei sprach der Leiter der bilingualen Abteilung des Gymnasiums in Poprad/Deutschendorf, Dietmar Hoge. Der Unterricht und das Abitur würden dort nach deutschem Standard durchgeführt. Die Schüler orientierten sich nach Europa. Die Vergangenheit spiele dabei keine Rolle.   Den Abschluss des Seminars bildete der Besuch von Pressburg/Bratislava. Prof. Otto Sobek gab eine Darstellung über das Deutschtum in der Stadt.

Informationsbedürfnis über Europa

Bei einem Zwischenaufenthalt in Iglau/Jihlava/ Tschechische Republik fand eine Begegnung mit Angehörigen der deutschen Minderheit statt. Wie der Vorsitzende des Regionalkulturverbandes der Deutschen, Mojmir Kola, erklärte, sei in der Tschechischen Republik vor dem Beitritt viel zu wenig über das Zusammenwachsen Europas berichtet worden. Wirtschaftliche Interessen hätten im Vordergrund gestanden. Adolf Wolf
Die Seminarteilnehmer
Bilder: Bildungswerk