Nachlese
Home Seminare Nachlese Presse Über uns Kontakt © Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen, Friedrichstraße 35, 65185 Wiesbaden – 2018

Seminar des Bildungswerks in Königsberg

Kaliningrad blickt nach Westen

Die russische Exklave Kaliningrad/Königsberg ist von EU- Staaten umschlossen. Berlin ist näher als Moskau, bemerkte eine Studentin. Angehörige der jungen Generation fühlen sich als "Euro-Russen". Sie erhoffen sich Chancen durch die zum 1. Mai 2004 in Kraft getretene Erweiterung der Europäischen Union. Die Region um Königsberg /Kaliningrad war während des Kalten Krieges militärisches Sperrgebiet. Heute zählt dieser Landstrich zu den Armenhäusern Europas.

Verehrung des deutschen Philosophen Immanuel Kant

Das Deutsch-Europäische Bildungswerk (Bildungseinrichtung des Bundes der Vertriebenen, Landesverband Hessen, Wiesbaden), das sich die Verständigung mit den östlichen Nachbarn zum Ziel gesetzt hat, führte im früheren Königsberg/Kaliningrad ein Seminar durch. Einer der Schwerpunkte der Veranstaltung fand an der Technischen Universität Kaliningrad/Königsberg statt. Prof. Dr. Leonhard Kalinnikow, ein international anerkannter Kantexperte, hielt eine Vorlesung über den berühmten deutschen Philosophen Immanuel Kant. Er hob die völkerverbindende Bedeutung dieses großen Philosophen hervor. Er zitierte Kant mit den Worten : "Jeder, der seinem Verstand folgt, ist ein Weltbürger". Die Philosophie von Immanuel Kant bezeichnete er als die beste aller Religionen. Sie führe alle Gläubigen der Welt zusammen. Nach Auffassung von Prof. Kalinnikow sollte die russische Gesellschaft nach der Philosophie Kants leben. Weiter schlug er vor, die staatliche Universität in Kant-Universität umzubenennen. Bei den Gesprächen mit den anwesenden Studenten kam zum Ausdruck, dass sie sich durch die Erweiterung der EU Chanchen für die weitere Zukunft in den EU-Staaten erhoffen.

Wirtschaftlicher Aufschwung erhofft

Der Vertreter der Stadt Kaliningrad/Königsberg, Andrej Malaschenko, sprach sich für den Abbau der Grenzen aus. Er ging auch auf die deutsche Vergangenheit der Stadt ein. 750 Jahre deutsche Geschichte ließen sich nicht auslöschen. Er lud die früheren Einwohner der Stadt zur 750-Jahrfeier ein. Wie er weiter ausführte, habe die Region Kaliningrad/Königsberg ca. 900.000 Einwohner. Davon lebten etwa 444.000 in Kaliningrad/Königsberg. Die Bevölkerung setze sich aus Russen, Ukrainern, Weißrussen, Litauern und Russlanddeutschen zusammen. Er beklagte, dass viel Land brach liege. 80% der Lebensmittel müssten eingeführt werden. Als Grund nannte er die ungeklärten Eigentumsverhältnis an Grund und Boden sowie die hohen Zinsen, die bis 33% betrügen. Viele private landwirtschaftliche Betriebe hätten aus Kostengründen aufgegeben. Mit der Erweiterung der Europäischen Union erwarte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nach seiner Prognose könne Kaliningrad/Königsberg zu einem wirtschaftlichen Knotenpunkt, Anlauf- und Kontaktstelle zwischen Russland und der Europäischen Union werden. Er wies auch auf die bereits bestehenden Verbindungen hin. So habe Königsberg/ Kaliningrad 22 Partnerstädte in Westeuropa. In diesem Zusammenhang hob er die gute Zusammenarbeit mit der Partnerstadt Kiel hervor. Es fänden "runde Tische" im sozialen Bereich und Workshops statt. Die Stadt Kiel fördere Alten- und Kinderheime. Weiter bestünden Schulpartnerschaften.

Schwierige soziale Verhältnisse

In der Stadt und in der Region Königsberg/Kaliningrad gibt es auch negative Seiten. Wolfgang Weber, Vertreter der Stadtgemeinschaft Kaliningrad/Königsberg und Sozialarbeiter aus Deutschland, lebt seit etwa acht Jahren dort. Er ist mit den Verhältnissen bestens betraut. Er organisiert auch Hilfstransporte. Sein nächstes Projekt ist ein Sozialzentrum. Wie er ausführte, herrscht im Königsberger/Kaliningrader Gebiet große Not. Besonders das ländliche Gebiet sei von Arbeitslosigkeit betroffen. Viele Menschen ernährten sich nur von den Erträgen ihres Gartens. Alkoholismus sei weit verbreitet. Es bestehe die größte Aids- und Tbc- Rate in Europa. Weiter gebe es ein großes Rauschgiftproblem. Die Zahl der Drogenabhängigen steige ständig. Die Ausstattung der Krankenhäuser nannte er als völlig veraltet. Wer arm sei und könne keine privaten Zahlungen leisten, bliebe auf der Strecke. Nur Korruption helfe. Besonders betroffen machen die Straßenkinder. Sie stammten aus Familien, bei denen beide Eltern dem Alkohol verfallen seien und würden auf der Straße und im Winter in Heizungsschächten übernachten. Sie lebten vom Betteln und Stehlen. Viele würden sich mit sogenannten "Schnüffelstoffen", mit Lösungsmitteln wie Äther, Azeton und Verdünnungsmittel für Farben betäuben. Kinder über neun Jahre, die schnüffelten, würden die Ärzte als nicht mehr behandelbar einstufen, wusste Wolfgang Weber zu berichten.

Hilfe für Straßenkinder

Die Evangelische Kirchengemeinde Königsberg/Kaliningrad kümmert sich mit dem Projekt "Jablonka" (Apfelbäumchen) um die Straßenkinder, wie Probst Heyo Osterwald ausführte. Man habe schon Fortschritte erreicht, indem Wohncontainer aufgebaut wurden. Ein Teil der Straßenkinder gingen bereits zur Schule. Weiter würde die Tagesstätte erweitert. Ein Fall ist typisch für das Schicksal der Straßenkinder. Witalij G. 15 Jahre, kam abends nach Hause. Seine Mutter lag auf dem Sofa. Er nahm an, dass sie schlief. Sie war oft völlig betrunken nach Hause gekommen. Als er die kalten Hände der Mutter spürte, fing er an zu schreien. Die Hilfe kam zu spät. Seine Mutter war tot. Er hatte keine Pass und war somit für die Behörden nicht existent. Eineinhalb Jahre lebte er auf der Straße bis ihm "Jablonca" half. Er erhielt einen Pass und bekam eine Rente.

Ansiedlung von Russlanddeutschen

Im Gebiet von Kaliningrad/Königsberg siedelten sich Russlanddeutsche aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion an. Nach den Ausführungen von Victor Hofmann , Vorsitzender des Vereins der Russlanddeutschen "Eintracht", leben im Königsberger/Kalingrader Gebiet 8.000 bis 10.000 Russlanddeutsche. Die Familienstrukturen nannte er als intakt. Es gebe keinen Alkoholismus und auch keine Probleme mit den anderen der dort wohnenden Nationalitäten. Als die beste Lösung für die Russlanddeutschen betrachte er ihre Ansiedlung im Königsberger/Kalingrader Gebiet. Viele der Jugendlichen hätten russische Identität angenommen und könnten dort eine Heimat finden. Die deutsche Sprache werde jedoch nicht vernachlässigt. Jeder Dritte verstehe Deutsch. Weiter würden Deutschkurde im Deutsch-Russischen Haus durchgeführt. Die Russlanddeutschen fühlten sich wohl und die Kinder seien schon "echte Ostpreußen". Es gebe weiter gute Kontakte zur Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen in der Bundesrepublik Deutschland. Er plädierte für die weitere Ansiedlung von Russlanddeutschen. Anneliese Franz, Landesvorsitzende der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen, Hessen, referierte über die Völkerverständigungsaktivitäten des Deutsch-Europäischen Bildungswerks in den osteuropäischen Staaten. Der stellvertretende Vorsitzende des Deutsch-Europäischen Bildungswerks und Seminarleiter Alfred Herold zeigte sich mit dem Ergebnis des Seminars sehr zufrieden. Es komme darauf an, auf die Menschen zuzugehen und bestehende Vorurteile abzubauen. Text und Fotos: Adolf Wolf
Die Teilnehmer an dem Seminar in einem Hörsaal der Technischen Universität Kaliningrad/Königsberg
Der wieder aufgebaute Dom von Königsberg
Bilder: Bildungswerk