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Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen besuchte Lodz/Polen

Gemeinsame Geschichte ist überall präsent

Wiesbaden/Warschau: Ein äußerst  interessantes 5-Tage-Seminar aus der  Reihe „Begegnung und Verständigung“  erlebten 37 Teilnehmer aus ganz Hessen,  das vom Deutsch-Europäischen  Bildungswerk in Hessen e.V. (DEB) in der  vergangenen Woche in den Städten Lodz  und Warschau durchgeführt und aus  Mitteln des Bundesinnenministeriums in  Berlin gefördert wurde. Eine Bereicherung  erfuhr  diese informative Reise vor allem  auch durch die Teilnahme mehrerer  ehemaliger  Bewohner dieser  mittelpolnischen Region und Mitgliedern  der Landsmannschaft „Weichsel –  Warthe“, die nach dem Kriege mit ihren  Angehörigen von dort vertrieben wurden,  nur weil sie Deutsche waren.  Im Übrigen hatte die DEB-Vereinsführung mit Vorsitzendem Georg Stolle (Bensheim) und den Mitarbeitern/innen  der  Landesgeschäftsstelle in Wiesbaden in Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen und polnischen Organisationen  wieder ein recht anspruchsvolles Programm für diese Auslandsfahrt zusammengestellt. Bei den vielen Begegnungen und  Besichtigungen erfuhr man immer wieder, dass die Deutschen als Meister der Webtechnik vor rund 200 Jahren als erste  nach Lodz gekommen waren, dort leistungsfähige Werkstätten und Fabriken errichteten und damit insgesamt die  polnische Textilindustrie begründeten. Und bei der Führung durch diese heute drittgrößte Stadt Polens wurde  augenscheinlich, dass der steile Aufstieg der Textil-Manufakturen im 19. Jahrhundert  zum „Manchester des Ostens“ mit  großem Reichtum führte, wovon die zahlreichen Prachtpaläste und -boulevards noch heute eindrucksvoll  zeugen.  Herausragend ist der Poznanski-Palast  mit der jetzt daneben umgestalteten  „Manufaktura“, einem elf Hektar großen  und modernen Einkaufszentrum. Bei den  zahlreichen fachkundigen  Seminarvorträgen wurde auch stets  darauf verwiesen,  dass Lodz  seit je her  eine überaus interkulturelle Stadt war, in  der Polen, Juden, Deutsche und Russen   bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges  friedlich zusammenlebten. Die alten  Fabrikbauten werden heute größtenteils  als Galerien oder Museen mit neuem  Leben genutzt und sind damit längst zu  Touristenattraktionen geworden. Im  Rahmen der Stadtführung kam es auch  zu einem Kurzbesuch bei „Hollylodz“, der  1948 gegründeten und Europas ältester  Filmhochschule. Studiert hat hier unter  anderem Roman Polanski.   Lodz hat aber leider auch eine ganz andere, sehr traurige Seite in der Vergangenheit: 1940 wurde nämlich nach der  deutschen Annexion in dieser Stadt von den Nazis ein jüdisches Ghetto errichtet, dass bis August 1944 weiterbestand  und nach dem Warschauer „jüdischen Wohnbezirk“ das zweitgrößte Ghetto im deutschen Machtbereich war.  Auf vier  Quadratkilometern im Norden der Stadt wurden seinerzeit 160000 Menschen unter katastrophalen, hygienischen  Bedingungen  eingepfercht und  überwiegend zur Zwangsarbeit verpflichtet,  am Ende schließlich nach Auschwitz  verbracht und ermordet. Heute steht auf  diesem Gelände, das zu einer ehrwürdigen  Parkanlage umgestaltet wurde, unter  anderem  das „Zentrum für Dialog. Marek  Edelman“, eine seit 2010 bestehende  kommunale Kulturinstitution für die Pflege  des multikulturellen und multiethnischen  Erbes in Lodz. Dazu erfuhren die  Seminarteilnehmer dann auch näheres in  Vorträgen von Prof. Dr. Wozniak (Uni  Lodz) und Prof. Dr. Janusz Wröbel vom  Institut für nationales Gedenken in Lodz. .    Im Programm stand auch eine Tagesfahrt  in die polnische Metropole nach  Warschau mit Besuch der Kardinal  Stefan Wyszyski- Universität (18000  Studierende). Hier erwartete den Reiseteilnehmern  u.a. eine äußerst spannende Vorlesung von Prof. Dr. Klaus Ziemer  zum Thema  „ Polen zwischen Deutschland und  Russland – Ein Verhängnis oder eine historische Chance“.  Und bei der anschließenden rund zweistündigen Stadtbesichtigung wurde darauf verwiesen, dass keine Großstadt  Europa im Zweiten Weltkrieg dermaßen zerstört wurde wie Warschau. Doch in einer beispiellosen Aufbauaktion wurde  die Stadt danach wieder aufgebaut und  stellt heute ein sehenswertes urbanes Gebilde der Gegensätze dar. Das neue  Warschau entsteht mit Wolkenkratzern westlich der im Krieg vollständig zerstörten und wiedererbauten Altstadt östlich  der Weichsel.  Bei den Treffen in Lodz fehlte auch nicht ein Besuch mit Fachvortrag und Gelegenheit zur Kenntnisnahme einer  Ausstellung über „Die Deutschen in der Stadt der Völkerbegegnung“  in der Begegnungsstätte der Deutschen Sozial-  Kulturellen Gesellschaft, einer schmucken Einrichtung der deutschen Minderheit in Lodz mit der Präsidentin Elzbieta  Wlodarczyk und deren Stellvertreter Peter Kirsch.   Und als „high light“  der gesamten Tagung  kann sicherlich  die Besichtigung  der  Schule VIII LO im. Adama Asnyka am  letzten Seminartag gesehen werden. Die  Teilnehmer erlebten einen Schulalltag bei  dieser bilingualen Bildungsstätte nebst von  den Schülern in deutscher Sprache  vorgetragenen unterhaltsamen  Präsentationen. Aber auch Live-  Schulstunden in den Fächern Physik,  Geografie, Geschichte und Mathematik  wurden dargeboten und zur Mitwirkung  gestellt.  Die Schulleiterin, Dir. Anna Panek  stellte die große Bedeutung des bilingualen  Unterrichts in ihrer Bildungseinrichtung  heraus und betonte in diesem  Zusammenhang auch die damit  verbundenen pädagogischen Ziele, nämlich   das Erlernen  und die Bewahrung der   deutschen Kultur und Geschichte in Lodz.  Letzteres griff dann auch Seminarleiter Siegbert Ortmann bei seinem   Schlusswort sehr gerne auf und bedankte sich im Namen der deutschen Delegation bei der Schulleitung  für  diese  positive Einstellung zur gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichte, die in Lodz  überall präsent ist,  und ermunterte  insoweit zu weiteren Aktivitäten im schulischen Bereich. Auf der langen Heimfahrt mit dem Bus zeigten sich die  Teilnehmer mit dem Ergebnis dieser verständigungspolitischen  Veranstaltung in Polen unter der souveränen  und einfühlsamen Seminarleitung durch den Landesvorsitzenden des  Bundes der Vertriebenen in Hessen, Siegbert Ortmann (Lauterbach) äußerst zufrieden und Otmar Schmitz, ebenfalls  Reiseteilnehmer und BdV-Kulturreferent in Hessen brachte sein Fazit zu dieser Auslandsreise am Ende so auf den  Punkt: „Ständige Begegnung und Verständigung  ist nun einmal Voraussetzung zu vertrauensvoller gesellschaftlicher  Versöhnung unter den Völkern!“  Text: Siegbert Ortmann; Fotos: Deutsch-Europäisches Bildungswerk April 2016
Reisegruppe im Innenhof des königlichen Schlosses von Warschau
Vorlesung in der Kardinal S.Wyszyski-Universität zu Warschau mit Prof. Dr. K. Ziemer
Besuch in der bilingualen Schule Adama Asnyka in Lodz, links neben Seminar- leiter Siegbert Ortmann die Schulleiterin Anna Panek.
Reisegruppe vor dem Rathaus in Lotz