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Seminar des Deutsch-Europäischen Bildungswerks in Oberschlesien und im Hultschiner Ländchen

Auf der kommunalen Ebene gibt es keine Stolpersteine im deutsch-polnischen Verhältnis

Während auf der obersten politischen Ebene im deutsch- polnischen Verhältnis in letzter Zeit dunkle Wolken aufzogen, herrscht im kommunalen Bereich herrliches Sommerwetter. Das zeigte sich besonders bei einem Seminar des Deutsch- Europäischen Bildungswerks Wiesbaden, (Bildungseinrichtung des Landesverbandes Hessen des Bundes der Vertriebenen), das in Oberschlesien und im Hultschiner Ländchen durchgeführt wurde.. Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Wege der Völkerverständigung im gemeinsamen europäischen Haus". Es könnte hier von einem "Bürgermeisterseminar" gesprochen werden. Bürgermeister der besuchten Kommunen nahmen teil und hielten auch Referate. Auch kam die deutsche Minderheit zu Wort.

Verbundenheit mit Vertriebenen und Aussiedlern bekundet

Der Stadtpräsident von Ratibor, Miroslaw Lenk, betonte die Verbundenheit mit den ehemaligen Bewohnern der Stadt. Er hob hervor, Ratibor sei eine schlesische Stadt. Seit 2002 kämen Ratiborer zu dem "Ratiborer Treffen" aus der ganzen Welt. Mit der deutschen Minderheit bestehe ein gutes Verhältnis. Auch wurden die Schatten der Vergangenheit angesprochen. Zur Vertreibung der Deutschen bemerkte der Stadtpräsident, die Vertreibung in Oberschlesien sei nicht so grausam gewesen wie in Niederschlesien. Die Stadt Ratibor habe den verstorbenen Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen. Heute werde die Geschichte nicht mehr unter den Tisch gekehrt. Man müsse ehrlich mit der Vergangenheit umgehen. Miroslaw Lenk äußerte die Sorge, dass immer mehr junge Menschen der Stadt den Rücken kehrten. Nur die Älteren blieben zurück.

Städtepartnerschaften hohe Priorität beigemessen

Der Landrat des Kreises Ratibor, Adam Hadjuk, war in das Begegnungszentrum der deutschen Minderheit in Ratibor gekommen, um über die Zusammenarbeit mit deutschen Kommunen zu referieren. Den Städtepartnerschaften mit deutschen Städten und Gemeinden maß er hohe Priorität zu. Besonders beim Aufbau der Selbstverwaltung sei das eine große Hilfe gewesen. Die Partnerschaften mit Deutschland funktionierten im schulischen und kulturellen Bereich gut. Heute stände die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Vordergrund. Der Landrat lobte die Hilfe der ehemaligen Bewohner des Kreises Ratibor beim Zustandekommen der Partnerschaften.

Zweisprachiges Ortsschild für Lubowitz

Alojsy Pieruska, Bürgermeister von Lubowitz, stellte seine Gemeinde vor. Die Schlossruine des großen deutschen Dichters der Romantik, Joseph von Eichendorff, nannte das Wahrzeichen der Gemeinde. Das Begegnungszentrum in Lubowitz bezeichnete er als das Zentrum für Treffen von Deutschen in Oberschlesien. Die Gemeinde unterstütze den Eichendorff-Verein. Er bedauerte, dass in Oberschlesien viele Schlösser verfielen. Weiter berichtete er über den Kampf der deutschen Minderheit um den Erhalt ihrer Identität. Mit Befriedigung nahmen die Teilnehmer zur Kenntnis, dass sich der Bürgermeister dafür einsetzen wolle, dass Lubowitz ein zweisprachiges Ortschild erhält. Ein entsprechender Antrag werde bei der Wojewodschaft gestellt. Allerdings gebe es Widerstände. Die ehemaligen Bewohner rief er zur Rückkehr auf. Das Verhältnis zur deutschen Minderheit bezeichnete er als sehr gut. Die große Politik habe keinen Einfluss darauf. Im Begegnungszentrum von Groß-Neukirch begrüßte die Bürgermeisterin Kristina Helbin die Seminarteilnehmer sehr herzlich. Die deutschen Sprachkenntnisse hatte sie sich selbst angeeignet, um mit den Angehörigen der deutschen Minderheit in deutscher Sprache verkehren zu können. Als Problem führte sie den Geburtenrückgang an.

Vertriebene und Aussiedler zur Rückkehr aufgefordert

Der deutsche Bürgermeister von Odertal, Diter Przewdzing, übt dieses Amt seit 33 Jahre aus. Er gehört zum Vorstand des Deutschen Freundeskreises im Bezirk Oppeln. Wie er ausführte, leben in Odertal noch etwa 60 Prozent Deutsche, in den Dörfern der Umgebung ca. 95 Prozent. Er lobte ganz besonders die Beziehungen zur Landsmannschaft der Oberschlesier in Hessen. Weiter ging er auf die Verhältnisse in seiner Stadt ein. So gebe es im Gegensatz zu anderen oberschlesischen Kommunen durch die Kokerei keine Arbeitslosigkeit. Es müssten Schweißer aus der Ukraine angeworben werden. Sein Ziel sei es, Aussiedler zurückzuholen.

Keine Konflikte mit der deutschen Minderheit in Oberschlesien

In das Seminar wurde auch die deutsche Minderheit eingebunden. Die Seminarteilnehmer waren in der Eichendorff- Begegnungsstätte in Lubowitz untergebracht. Leonhard Wochnik berichtete über Entstehung dieses Zentrums. Inzwischen hätte ein Eichendorff-Museum in der Nähe eingerichtet werden können. Nach seinen Ausführungen bestehen keine Probleme mit der polnischen Bevölkerung. Die Vorsitzende der Sozialkulturellen Gesellschaft, Ratibor Stadtmitte, Lidia Burdzik. gab einen Rückblick über die Anfänge des Verbandes. Erst nach der Wende konnte der Verein gegründet werden. Anfangs sei es schwer gewesen, die polnische Bevölkerung von der Notwendigkeit des Zusammenschlusses zu überzeugen. Es kam zu Übergriffen und zu Brandstiftungen. Scheiben wurden eingeschlagen. Heute habe sich das Verhältnis normalisiert. Sie wies weiter auf die gute Zusammenarbeit mit den Schulen und der Stadtverwaltung hin. Durch die Aktivitäten der deutschen Vereine gebe es an fast allen Schulen Deutschunterricht. Im Großraum Ratibor zähle der Verband etwa 13.000 Mitglieder. Bei der jüngeren und mittleren Generation der Deutschen mangele es an deutschen Sprachkenntnissen. Dieser Personenkreis besäße einen deutschen Pass und würde in der Bundesrepublik oder in Holland arbeiten. Wegen der doppelten Staatsangehörigkeit legten die polnischen Behörden keine Steine in den Weg. Auch Ursula Kochum, Vorsitzende des Schlesischen Landfrauenverbandes und Ortsvorsteherin von Groß-Neukirch, bestätigte das friedliche Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen. Sie unterstrich die gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Vereinen. Als Ziele ihres Verbandes nannte sie die Pflege des deutschen Kulturgutes und die Altenbetreuung. Es bestehe ein deutscher Chor und eine Kindergruppe. Die Teilnehmer aus Deutschland konnten sich von der Kulturarbeit überzeugen. So führte die Kindergruppe in deutscher Sprache "Romeo und Julia" in einer modernen Inszenierung auf.

Deutscher Radiosender in Ratibor

Einen weiteren Einblick gewannen die Seminarteilnehmer beim Besuch des deutschen Radiosenders "Radio Vanessa". Der stellvertretende Redaktionsleiter, Lucas Kocur vermittelte ein Bild über das Programm des Senders ein. Es gibt nur zwei hauptamtliche Kräfte. Die weitere journalistische Arbeit wird von Ehrenamtlichen, meist Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgenommen.

Schulkinder begeisterten Teilnehmer

Beeindruckend war auch der Besuch der Grundschule Ratibor-Ottitz-Neugarten. Der Direktor der Schule, Andzej Skurk, begrüßte die Teilnehmer und lobte die gute Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit. Wie er bemerkte, wird in der ersten Klasse schon Deutschunterricht angeboten. 80 Prozent der Kinder erlernten die deutsche Sprache. Die Deutschlehrerin, Agniezka Koloch hatte mit den Kindern ein abwechslungsreiches Programm in deutscher Sprache einstudiert. Die Kinder begeisterten die Teilnehmer mit der Aufführung des Märchens "Aschenputtel". Zwischen Kreisgruppe Darmstadt der Landsmannschaft der Oberschlesier der Sozialkulturellen Gesellschaft der Deutschen in Ratibor besteht eine Partnerschaft. Wie Kreisvorsitzender, Kurt Ulfik ,dazu ausführte, leistete die Kreisgruppe Darmstadt wichtige Unterstützung. So wurden 800 deutsche Bücher nach Ratibor gebracht. Auch konnte durch Spenden ein Computerprogramm für den Deutschunterricht angeschafft werden.

Bei der deutschen Minderheit im Hultschiner Ländchen

Es war das erste Mal, dass das Deutsch- Europäische-Bildungswerk in ein Seminarprogramm zwei Staaten einbezog. So fand ein deutsch-polnisch-tschechischer Nachmittag im Schloss von Krawarn im Hultschiner Ländchen statt. Bürgermeister Andreas Hahn und der Vorsitzende des Deutschen Freundschaftskreises, Reinhard Vecerek, hießen die Teilnehmer willkommen. Bürgermeister Andreas Hahn stellte die gute Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit heraus. Der Deutsche Freundeskreis erhalte von der Gemeinde 30.000 Kronen jährlich. Man beklagte, dass Deutschland die finanzielle Förderung eingestellt habe. Einen kurzen Abriss über die Geschichte des Hultschiner Ländchens gab Horst Kostritza. Dieses Gebiet gehörte zum früheren Kreis Ratibor und wurde 1920 ohne Volksabstimmung an die Tschechoslowakei abgetreten. Die Einwohner wurden somit zu Ausländern in einem fremden Staat. Sie seien zwischen den Volksgruppen hin- und her gerissen worden. So betrachtete sie die tschechoslowakische Seite als Mährer, während Deutschland sie als Deutsche ansah. Auch wurde ein anspruchsvolles Kulturprogramm angeboten. Besonders die Mädchengruppe zeigt fast artistische Leistungen. Der Frauenchor der deutschen Minderheit verabschiedete die Seminarteilnehmer mit deutschen Volksliedern. Wie Gespräche, besonders mit den Bürgermeistern ergaben, kam das Seminar gut an. Auch das polnische Regionalfernsehen brachte einen positiven Bericht von 20 Minuten. Dabei wurden die verständigungspolitischen Aktivitäten in einem zusammenwachsenden Europa in den Vordergrund gestellt. Ebenfalls berichtete das tschechische Regionalfernsehen über diese Begegnung. Der Kurzbeitrag wurde ins Internet unter www.crtv.cz gestellt. Adolf Wolf im Juni 2007
Die Seminarteilnehmer im Schlosspark von Krawarn
Bilder: Bildungswerk