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Gesellschaft: Seminar des Deutsch-Europäischen Bildungswerkes in Polen / Für ein harmonisches Zusammenleben

 

Völkerverständigung in Oberschlesien

WIESBADEN/BERGSTRASSE. Das deutsch-polnische Miteinander als Fundament eines harmonischen Zusammenlebens im gemeinsamen Europa war der Leitfaden für ein Verständigungsseminar, das kürzlich vom Deutsch-Europäischen Bildungswerk unter Leitung seines Vorsitzenden Georg Stolle aus Bensheim mit den Organisationsreferenden Hubert Leja und Anna Kocos in Oberschlesien durchgeführt wurde.

Deutsche Minderheit in Polen

Für 33 Teilnehmer aus ganz Hessen wurde in Zusammenarbeit mit dem "Haus Deutsch-Polnischer Zusammenarbeit" in Gleiwitz/Gliwice ein Programm geboten, das sowohl die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Oberschlesiens als auch die Anliegen der deutschen Minderheit in die Region Polens beleuchtete. Zu Beginn wurden die Gäste aus Deutschland - darunter ein Großteil von Oberschlesien stammende deutsche Heimatvertriebene - vom stellvertretenden Vizepräsidenten der Stadt, Krystian Tomala, im Rathaus empfangen und über die erfolgreiche Modernisierung dieses dynamischen Wirtschafts-, Hochschul- und Forschungszentrums im Herzen Oberschlesiens informiert. Daran schloss sich eine Stadterkundung an, in deren Rahmen man auch den imposanten Holzmast des aus dem Jahre 1935 stammenden Rundfunksenders besichtigte, der bekanntlich im Zusammenhang mit dem Beginn des 2. Weltkriegs steht. Der zweite Seminartag begann mit einem beklemmenden Besuch des ehemaligen nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz/Birkenau. An der sogenannten "Schwarzen Wand" im Hof zwischen Block 10 und Block 11 des Stammlagers in Auschwitz legte der mitreisende Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Siegbert Ortmann, ein Blumengebinde mit BdV-Schleife nieder und merkte in einer kurzen Gedenkrede unmissverständlich an, dass der an diesem Ort unter dem unmenschlichen Naziterror begangene Völkermord ohne Beispiel in der Menschheitsgeschichte sei und uns Deutsche, auch nach über 70 Jahren, nicht unberührt lassen könne. Nach einem an der berüchtigten Todeswand gemeinsam gebeteten "Vater unser" war nicht nur für den BdV-Landesvorsitzenden dieser Gedenkstättenaufenthalt im ehemaligen KZ-Stammlagern Auschwitz I und II (Birkenau) die intensivste Erfahrung der gesamten Seminarreise.

Freundschaftliche Begegnungen

Am Abend fand eine Begegnung mit Vertretern der deutschen Minderheit unter dem Vorsitzenden des deutschen Freundschaftskreises im Bezirk Schlesien, Marcin Lippa, statt. Im Kulturzentrum in Plawniowitz/Plawniowice präsentierten die deutschstämmigen Bewohner der Gegend den Gästen eine Folkloreschau unter Mitwirkung verschiedener Kinderchöre und Wortbeiträgen in ihrer "Sprache des Herzens", der deutschen Muttersprache. Dabei wurde deutlich, dass es ihnen bei ihrem kulturellen ehrenamtlichen Engagement um die Erhaltung und Verbreitung der deutschen Kultur, Sprache und Identität geht. Die erste Hälfte des letzten Seminartages war ganz dem Gymnasium mit Grundschule in Brzezinka gewidmet. Schulleiterin Krystyna Blacha stellte die moderne und zeitgemäße Einrichtung der Klassen 1 bis 9 mit vielen deutschsprachigen Unterrichtsstunden vor. Am Nachmittag ging es in das Kohlebergbaumuseum in Hindenburg/Zabrze. Dabei wurden die Teilnehmer 320 Meter unter Tage durch stillgelegte, weit verzweigte Steinkohlenstollen geführt und es wurden ihnen dort große, sehr lärmende, heute noch funktionierende Kohleabbau- und Beförderungsmaschinen vorgeführt. Ein sehr schmaler elektrischer Transportzug brachte die Besucher zum Aufzug zurück, mit dem es zur Erleichterung vieler wieder zurück an die Oberfläche ging. Am Abend erlebten die Teilnehmer dann noch einen der Höhepunkte der Seminarreise, nämlich den Besuch beim deutschen Freundeskreis in Ostroppa mit einem Vortrag zum Thema "Aussiedler, Flüchtlinge, Emigranten" des Publizisten Krzysztof Karwat aus Beuthen. Zum gemütlichen Abschluss wurde ein landestypisches, gemeinsames Abendessen serviert. Mit Vertretern der deutschen Minderheit kam es dabei unter musikalischer Umrahmung mit deutscher Blasmusik und wohlbekannten Melodien zu herzlichen Gesprächen und Begegnungen. Für Seminarleiter Georg Stolle und den BdV-Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann bleiben die Begegnungen, Vorträge und Diskussionen in Oberschlesien unvergesslich. Sie waren bestens geeignet für eine grenzüberschreitende Aufarbeitung von eventuell gegenseitig belastenden zeitgeschichtlichen Problemen hin zur Verknüpfung ehrlicher und freundschaftlicher Beziehungen zwischen den deutschen Heimatvertriebenen und den jetzigen Bewohnern dieses ehemaligen Teils Deutschlands. Wiederholungen von Seminaren dieser Art aus der Reihe "Begegnung und Verständigung" mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums des Inneren in Berlin sind vorgesehen, so Georg Stolle. red    Bergsträßer Anzeiger, 9. Juni 2015
Der BdV-Landesvorsitzende Siegbert Ortmann (links) und Georg Stolle, Vorsitzender des Deutsch-Europäischen Bildungswerkes, beim Gedenken vor der sogenannten "Schwarzen Wand" im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz.