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Geschichte: Blick auf die deutsch-polnischen Beziehungen bei der 54. Preußischen Tafelrunde der Landsmannschaft der

Ostseedeutschen im Kreis Bergstraße

 

Aus alten Feinden wurden enge Partner

BERGSTRASSE. Aus alten Feinden sind längst enge Partner geworden, die auf einer gemeinsamen europäischen Wellenlänge schwimmen. Doch ganz störungsfrei läuft es in dieser neuen Beziehung – der deutsch-polnischen nämlich – noch immer nicht durchgängig. Auch wenn die jüngere Generation in Polen sich immer weniger um die Vergangenheit schert und die Intellektuellen des Landes „eine Sehnsucht nach den Deutschen verspürt, die es nicht mehr gibt“. Manches Mal sorgen politische Entscheidungen wie der Bau des „Zentrums gegen Vertreibung“, aber auch deutsche Fernsehproduktionen wie der ZDF- Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, für Irritationen und reißen alte Wunden auf. Von „Ignoranzfehlern“, die „eine Mine lostreten“, spricht Dr. Andrzej Kaluza in diesem Zusammenhang. Da helfe es auch nicht, wenn sich der Filmproduzent „16 Mal in den polnischen Medien entschuldigt“. Gleichwohl sollte sich „Polen nach vorn und in die Zukunft orientieren“, fordert Kaluza, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Denn: „Deutschland ist der Hauptverbündete von Polen“.

Willy Brandt und Helmut Kohl

Obwohl Polen seit nunmehr zehn Jahren Vollmitglied der EU ist, gibt das gegenseitige Verhältnis noch immer „viele Rätsel auf“. Der Grund liegt auf der Hand: die Vorgeschichte der beiden Länder und das schwere Erbe, das sie zu verwalten haben. Dass sich seit der Wende in den Köpfen hie wie da vieles verändert hat, machte Kaluza an den Recherchen polnischer Historiker und Literaten deutlich, die sich „aktiv mit der Schuld auseinandersetzen und eine Debatte über beispiellose Menschenrechtsverletzungen“ gegenüber den Vertriebenen angestoßen haben. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und vielen Jahrzehnten des Schweigens sei die Bereitschaft beider Völker zu spüren gewesen, „miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Die Zielrichtung in den Nachkriegsjahren sei gewesen, zu einer „Art der Versöhnung“ zu kommen. Wesentlich dazu beigetragen habe der Kniefall von Willy Brandt in Warschau und dessen neue Ostpolitik, vor allem aber die Hilfspaket-Aktion der Deutschen während der Solidarnosc-Bewegung im Jahr 1982. Die große Hilfswelle habe das Bild der Deutschen in Polen verändert und der kommunistischen Propaganda, die nach wie vor Ängste vor einem Dritten Weltkrieg geschürt habe, einen Dolchstoß versetzt. Kaluza sprach von „Paketen der Solidarität“. In späteren Jahren sei es Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl gewesen, der die „Zeichen der Zeit erkannt und den Weg Polens in Europa vorangetrieben habe“. Noch heute zähle er in Polen zu den populärsten Politikern. Kritik an der Symbolpolitik Kohls („leere Gesten und Versöhnungskitsch“) stoße nur auf geringes Echo. Für die Herausforderungen nach 2000 gebrauchte der Historiker das Bild „heraus aus den Kinderschuhen, direkt hinein in die Pubertät“.

Polnische Schwestern

Als einer der „Ikonen der Veränderung“ und einen der „Regisseure der deutsch-polnischen Beziehungen“ bezeichnete der Mitarbeiter des Deutschen Polen- Instituts den ehemaligen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowieki, der Deutschland und Polen als Interessengemeinschaft in Europa verstanden habe. Die „goldenen 90er Jahre“ seien geprägt gewesen von einer engen Zusammenarbeit mit 28 bilateralen Abkommen, mit der Zunahme von Kontakten, der Gründung des deutsch-polnischen Jugendwerks und der Bildung von mehr als 600 Städtepartnerschaften. Auch Bensheim und der Kreis Bergstraße haben sich polnische „Schwestern“ gesucht. Seit den 90er Jahren, so Andrzej Kaluza, haben jährlich mehr als 20 Millionen Menschen das jeweils andere Land besucht. „Das ist nicht nur ein Politiker- Tourismus. Es kommen auch Feuerwehrleute und Schüler“, zählte der Redner beispielhaft auf. So habe das Deutsch-Polnische Jugendwerk in 20 Jahren Kontakte zwischen mehr als zwei Millionen Schülern hergestellt. Nach einigen weniger erfreulichen Episoden sei es unter Ministerpräsident Tusk ab 2007 zu einer Stabilisierung der deutsch- polnischen Beziehungen gekommen. So habe Polen auch die Griechenland-Politik der Bundesregierung unterstützt. „Im Moment gibt es keine allzu großen Gründe für Irritationen“, frohlockte Kaluza und fuhr fort: „Die Polen waren noch nie so glücklich, wie sie es jetzt sind.“ gs Bergsträßer Anzeiger, 17. März 2014
Die deutschen Minderheiten werden geschützt und gefördert Andrzej Kaluza, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, sprach auf Einladung der Kreisgruppe Bergstraße der Landsmannschaft der Ostseedeutschen bei der traditionellen 54. Preußischen Tafelrunde im Alleehotel in Bensheim. Zu der ausgiebigen „Tafelrunde“ begrüßte Vorsitzende Brigitte Sattler Staatssekretär Thomas Metz, Bensheims Ehrenbürgermeister Georg Stolle, Bensheims Stadtrat Hans Seibert, den Heimatkreisvertreter Sieghard Drews (Frankfurt), den Vorsitzenden der Balkandeutschen in Baden-Württemberg, Ivar Günther, Christiane Mertz aus Darmstadt sowie die Bergsträßer VdK-Kreisvorsitzende Ingrid Filbert unter den Gästen.  Im Anschluss an seinen viel beachteten und differenzierten Vortrag umriss Andrzej Kaluza die Situation der deutschen Minderheiten in den ehemals deutschen Ostgebieten. Dieser Personenkreis, so berichtete Kaluza, würde „geschützt und gefördert“.  Bei Regionalwahlen seien 24 Bürgermeister auf deutschen Listen gewählt worden, Deutsch als Amtssprache sei in gewissen Regionen wieder üblich.  Bei einer Volkszählung im Jahr 2011 hätten sich 30 000 Deutsche und 857 000 Oberschlesier registrieren lassen. Verbindlich seien die Zahlen allerdings nicht.  Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Bettina Schalthöfer am Klavier von der Musikschule Heppenheim.